Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

Band I — 1797

312-313 An Schiller [266]

Leipzig, den 1. Januar 1797

    Ehe ich von hier weggehe, muß ich noch ein Lebenszeichen von mir geben und kürzlich meine Geschichte melden. Nachdem wir am 28sten Dezember uns durch die Windweben auf dem Ettersberge durchgewürgt hatten und auf Buttelstädt gekommen waren, fanden wir recht leidliche Bahn und übernachteten in Rippach. Am 29sten früh um 11 Uhr waren wir in Leipzig und haben der Zeit eine Menge Menschen gesehen, waren meist mittag und abends zu Tische geladen, und ich entwich mit Not der einen Hälfte dieser Wohltat. Einige recht interessante Menschen haben sich unter der Menge gefunden, alte Freunde und Bekannte habe ich auch wieder gesehen, sowie einige vorzügliche Kunstwerke, die mir die Augen wieder ausgewaschen haben.
    Nun ist noch heute ein saurer Neujahrstag zu überstehen, indem frühmorgens ein Kabinett besehen wird, mittags ein großes Gastmahl genossen, abends das Konzert besucht wird, und ein langes Abendessen darauf gleichfalls unvermeidlich ist. Wenn wir nun so um 1 Uhr nach Hause kommen, steht uns, nach einem kurzen Schlaf, die Reise nach Dessau bevor, die wegen des eingefallenen starken Tauwetters einigermaßen bedenklich ist; doch wird auch das glücklich vorübergehen.
    So sehr ich mich freue, nach dieser Zerstreuung bald zu Ihnen in die jenaische Einsamkeit zurückzukehren, so lieb ist mir's, daß ich einmal wieder so eine große Menschenmasse sehe, zu der ich eigentlich gar kein Verhältnis habe. Ich konnte über die Wirkung der literarischen positiven und polemischen Schriften manche gute Bemerkung machen, und das versprochene Gegenmanifest wird nicht um desto schlimmer werden.
    Leben Sie recht wohl. Da wir schon morgen nach Dessau gehen, so scheint es, daß die Reise überhaupt nicht gar zu lange dauern wird.
    Sagen Sie Herrn von Humboldt, daß ich Doktor Fischern gesehen habe, und daß er mir recht wohl gefallen hat. Die Kürze der Tage und das äußerst böse Tauwetter hindern mich übrigens, meinen Aufenthalt so zu nutzen, wie ich wohl wünschte; doch findet man zufällig manches, was man sonst vergebens sucht. Leben Sie nochmals wohl, vergnügt und fleißig.
Goethe

313-314 An Schiller [267]

    Nach einer vierzehntägigen Abwesenheit bin ich glücklich wieder zurückgekommen, von meiner Reise sehr wohl zufrieden, auf der mir manches Angenehme und nichts Unangenehmes begegnet ist. Ich habe viel davon zu erzählen und werde, sobald ich nur wieder hier ein wenig Ordnung gemacht, wenn es auch nur auf einen Tag ist, zu Ihnen hinüber kommen. Leider kann ich nicht sogleich, so sehr ich auch wünschte Herrn Oberbergrat Humboldt noch zu sprechen. Grüßen Sie beide Brüder aufs beste und schönste und sagen Sie, daß ich sogleich Anstalt machen werde, die verzeichneten Bücher Herrn Gentz zu verschaffen.
    Ich verlange sehr, Sie wieder zu sehen, denn ich bin bald in dem Zustande, daß ich für lauter Materie nicht mehr schreiben kann, bis wir uns wieder gesehen und recht ausgeschwätzt haben.

    Poetisches hat mir die Reise nichts eingetragen, als daß ich den Schluß meines epischen Gedichts vollkommen schematisiert habe. Schreiben Sie mir, was Ihnen indessen die Muse gegönnt hat. Grüßen Sie Ihre liebe Frau und sagen mir, wie die Kleinen sich befinden.


    Weimar, den 11. Januar 1797

    Mit dem Buche, das mir Rat Schlegel mitbrachte, geht es mir wunderlich. Notwendig muß es einer der damals gegenwärtigen Freunde eingesteckt haben, denn ich habe es nicht wieder gesehen und deshalb auch vergessen; ich will sogleich herumschicken, um zu erfahren, wo es steckt. Wenn Sie Schlegeln sehen, so sagen Sie ihm, daß ich ihm ein Kompliment von einer recht schönen Frau zu bringen habe, die sich sehr lebhaft für ihn zu interessieren schien.

Goethe

314-315 An Goethe [268]

Jena, den 11. Januar 1797

    Eben bekomme ich Ihren lieben Brief, der mich mit der Nachricht von Ihrer Zurückkunft herzlich erfreut. Diese Zeit Ihrer Abwesenheit von Jena währt mir unbeschreiblich lang; wiewohl es mir gar nicht an Umgang fehlte, so hat es mir doch gerad an der nötigsten Stärkung bei meinem Geschäft gemangelt. Kommen Sie ja, sobald Sie können. Ich zwar habe nicht viel gesammelt, was ich mitteilen könnte, desto begieriger aber und bedürftiger werde ich alles aufnehmen, was ich von Ihnen hören kann.

    Wir sind alle so wohl, wie wir zu sein pflegen; untätig bin ich gar nicht gewesen, wiewohl in diesen düstern drückenden Wintertagen alles später reift, und die rechte Gestalt sich schwerer findet. Indessen, ich sehe doch ins Helle, und mein Stoff unterwirft sich mir immer mehr. Die erste Bedingung eines glücklichen Fortgangs meiner Arbeit ist eine leichtere Luft, und Bewegung; ich bin daher entschlossen, mit den ersten Regungen des Frühjahrs den Ort zu verändern und mir, wo möglich in Weimar, ein Gartenhaus, wo heizbare Zimmer sind, auszusuchen. Das ist mir jetzt ein dringendes Bedürfnis, und kann ich diesen Zweck zugleich mit einer größern und leichtern Kommunikation mit Ihnen vereinigen, so sind vorderhand meine Wünsche erfüllt. Ich denke wohl, daß es gehen wird.

    Die Reichardtische Sache habe ich mir diese Zeit über aus dem Sinne geschlagen, weil ich mich darin mit Freuden in Ihren Rat ergeben will. Sie überfiel mich in einer zu engen Zimmerluft, und alles was zu mir kommt, muß noch dazu beitragen, mir diese Widrigkeiten noch lastender zu machen.

    Aber Wieland wird nun auch gegen die Xenien auftreten, wie Sie aus dem ersten Stück des Merkur ersehen werden. Es wäre doch unangenehm, wenn er uns zwänge, auch mit ihm anzubinden, und es frägt sich, ob man nicht wohl täte, ihm die Folgen zu bedenken zu geben.

    Ihre Aufträge sollen besorgt werden. Ich lege hier das zwölfte Horenstück bei, die übrigen Exemplare kommen übermorgen.

    Wir umarmen Sie alle herzlich.

Schiller

315-316 An Goethe [269]

Jena, den 17. Januar 1797

    Ich mache eben Feierabend mit meinem Geschäft und sage Ihnen noch einen guten Abend, eh ich die Feder weglege. Ihr letzter Besuch, so kurz er auch war, hat eine gewisse Stagnation bei mir gehoben und meinen Mut erhöht. Sie haben mich durch Ihre Beschreibungen wieder in die Welt geführt, von der ich mich ganz abgetrennt fühlte.
    Besonders aber erfreut mich Ihre lebhafte Neigung zu einer fortgesetzten poetischen Tätigkeit. Ein neueres schöneres Leben tut sich dadurch vor Ihnen auf, es wird sich auch mir nicht nur in dem Werke, es wird sich mir auch durch die Stimmung, in die es Sie versetzt, mitteilen und mich erquicken. Ich wünschte besonders jetzt die Chronologie Ihrer Werke zu wissen; es sollte mich wundern, wenn sich an den Entwicklungen Ihres Wesens nicht ein gewisser notwendiger Gang der Natur im Menschen überhaupt nachweisen ließe. Sie müssen eine gewisse, nicht sehr kurze Epoche gehabt haben, die ich Ihre analytische Periode nennen möchte, wo Sie durch die Teilung und Trennung zu einem Ganzen strebten, wo Ihre Natur gleichsam mit sich selbst zerfallen war und sich durch Kunst und Wissenschaft wieder herzustellen suchte. Jetzt deucht mir, kehren Sie, ausgebildet und reif, zu Ihrer Jugend zurück, und werden die Frucht mit der Blüte verbinden. Diese zweite Jugend ist die Jugend der Götter und unsterblich wie diese.

    Ihre kleine und große Idylle und noch neuerlich Ihre Elegie zeigen dieses, so wie die alten Elegien und Epigramme. Ich möchte aber von den früheren Werken, vom Meister selber, die Geschichte wissen. Es ist keine verlorene Arbeit, dasjenige aufzuschreiben, was Sie davon wissen. Man kann Sie ohne das nicht ganz kennen lernen. Tun Sie es also ja und legen auch bei mir eine Kopie davon nieder.

    Fällt Ihnen etwas von der Lenzischen Verlassenschaft in die Hände, so erinnern Sie sich meiner. Wir müssen alles, was wir finden, für die Horen zusammenraffen. Bei Ihrem veränderten Plan für die Zukunft können Sie vielleicht auch die italienischen Papiere den Horen zu gut kommen lassen.

    An den Cellini bitte ich auch zu denken, daß ich ihn etwa in drei Wochen habe.

    Freund Reichardts Abfertigung bitte auch nicht ganz zu vergessen.

    Leben Sie recht wohl.

Schiller

316-317 An Schiller [270]

    Die wenigen Stunden, die ich neulich mit Ihnen zugebracht habe, haben mich auf eine Reihe von Zeit nach unserer alten Art wieder recht lüstern gemacht; sobald ich nur einigermaßen hier verschiedenes ausgeführt und manches eingerichtet habe, bringe ich wieder eine Zeit mit Ihnen zu, die, wie ich hoffe, in mehr als Einem Sinn für uns beide fruchtbar sein wird. Benutzen Sie ja Ihre besten Stunden, um die Tragödie weiter zu bringen, damit wir anfangen können, uns zusammen darüber zu unterhalten.
    Ich empfange soeben Ihren lieben Brief und leugne nicht, daß mir die wunderbare Epoche, in die ich eintrete, selbst sehr merkwürdig ist; ich bin darüber leider noch nicht ganz beruhigt, denn ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles mit, das ich nicht   l o s   w e r d e n   und kaum   v e r a r b e i t e n   kann. Indessen bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu lenken, als es nur gehen will. Was bei dieser Disposition eine Reise für Wirkung tut, habe ich schon die letzten 14 Tage gesehen; indessen läßt sich ins Ferne und Ganze nichts voraussagen, da diese regulierte Naturkraft so wie alle unregulierten durch nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern wie sie sich selbst bilden muß, auch aus sich selbst und auf ihre eigne Weise wirkt. Es wird uns dieses Phänomen zu manchen Betrachtungen Anlaß geben.

    Der versprochene Aufsatz ist so reif, daß ich ihn in einer Stunde diktieren könnte, ich muß aber notwendig vorher mit Ihnen noch über die Sache sprechen, und ich werde um so mehr eilen, bald wieder bei Ihnen zu sein. Sollte sich ein längerer Aufenthalt in Jena noch nicht möglich machen, so komme ich bald wieder auf einen Tag; solch ein kurzes Zusammensein ist immer sehr fruchtbar.

    Eine Abteilung Cellini korrigiere ich gegenwärtig; haben Sie eine Abschrift von derjenigen, die im nächsten Stück erwartet wird, so schicken Sie mir solche doch.

    Ich schließe für diesmal und wünsche, recht wohl zu leben.


    Weimar, am 18. Januar 1797

Goethe

318 An Goethe [271]

Jena, 24. Januar 1797

    Nur zwei Worte für heute. Ich hoffte, nach Ihrem letzten Brief, Sie schon seit etlichen Tagen hier zu sehen. Die paar heitern Tage haben mich auch wieder in die Luft gelockt und mir wohlgetan. Mit der Arbeit geht's aber jetzt langsam, weil ich gerade in der schwersten Krise bin. Das seh' ich jetzt klar, daß ich Ihnen nicht eher etwas zeigen kann, als bis ich über alles   m i t   m i r   s e l b s t   im reinen bin. Mit mir selbst können Sie mich nicht einig machen, aber mein Selbst sollen Sie mir helfen mit dem Objekte übereinstimmend zu machen. Was ich Ihnen also vorlege, muß schon ein Ganzes sein, ich meine just nicht mein ganzes Stück, sondern meine ganze Idee davon.
    Der radikale Unterschied unserer Naturen, in Rücksicht auf die Art, läßt überhaupt keine andere, recht wohltätige Mittheilung zu, als wenn das Ganze sich dem Ganzen gegenüberstellt; im einzelnen werde ich Sie zwar nicht irre machen können, weil Sie fester auf sich selbst ruhen als ich, aber Sie würden mich leicht über den Haufen rennen können. Doch davon mündlich weiter.

    Kommen Sie ja recht bald. Ich lege hier das Neueste von Cellini bei, das neulich vergessen wurde.

    Alles grüßt Sie. Die Humboldtin leidet doch viel bei ihren Wochen und es wird langwierig werden.

    Leben Sie recht wohl.

Schiller

318-319 An Goethe [272]

[Jena, den 27. Januar 1797]

    Da Sie jetzt mit Farben beschäftigt sind, so will ich Ihnen doch eine Beobachtung mitteilen, die ich heute, mit einem gelben Glase, gemacht. Ich betrachtete damit die Gegenstände vor meinem Fenster, und hielt es so weit horizontal vor das Auge, daß es mir zu gleicher Zeit die Gegenstände unter demselben zeigte, und auf seiner Fläche den blauen Himmel abspiegelte, und so erschienen mir an den hochgelb gefärbten Gegenständen alle die Stellen hell purpurfarbig, auf welche zugleich das Bild des blauen Himmels fiel, so daß es schien, als wenn die hochgelbe Farbe, mit der blauen des Himmels vermischt, jene Purpurfarbe hervorgebracht hätte. Nach der gewöhnlichen Erfahrung hätte aus dieser Mischung Grün entstehen sollen, und so sah auch der Himmel aus, sobald ich ihn   d u r c h   das Glas betrachtete und nicht bloß darin abspiegelte. Daß aber in dem letztern Fall Purpur erschien, erklärte ich mir daraus, daß ich bei der horizontalen Lage des Glases durch die Breite desselben, also den dickern Teil, sah, der schon ins Rötliche fiel. Denn ich durfte bloß das Glas von der einen Seite zuhalten und die Gegenstände als wie in einen Spiegel hineinfallen lassen, so war da ein reines Rot, wo vorher Gelb gewesen.
    Ich sage Ihnen mit meiner Bemerkung schwerlich etwas Neues, indessen wünschte ich zu wissen, ob ich mir das Phänomen recht erklärte. Hinge es wirklich nur von der größern oder geringeren Verdichtung des Gelben ab, um mit dem Blauen bald Purpur, bald Grün hervorzubringen, so wäre die Reziprozität dieser zwei letztern Farben noch interessanter.
    Haben Sie gelesen, was Campe auf die Xenien erwidert hat? Es geht eigentlich nur Sie an, und er hat sich auch höflich benommen, aber den   P e d a n t e n   und die   W a s c h f r a u   nur aufs neue bestätigt. Was das Archiv des Geschmacks und der Genius der Zeit zu Markte gebracht, haben Sie wohl schon gelesen, auch des Wandsbecker Boten klägliche Verse.
    Leben Sie recht wohl. Ich wünschte, daß Sie bald von allen lästigen Amtsgeschäften frei zur Muse zurückkehren möchten.
Schiller

320 An Schiller [273]

Sonntag, den 29. Januar 1797

    Wenigstens soll heute Abend Ihnen ein eilfertiges Blatt gewidmet sein, damit Sie doch im allgemeinen erfahren, wie es mit mir steht.
    Ich habe diese Woche einige bedeutende Kontrakte zu stande gebracht. Erstlich habe ich Dem.   J a g e m a n n   für den hiesigen Hof und das Theater gewonnen; sie ist als Hofsängerin angenommen und wird in den Opern manchmal singen, wodurch denn unsere Bühne ein ganz neues Leben erhält. Ferner habe ich auch mein episches Gedicht verhandelt, wobei sich einige artige Begebenheiten ereignet haben.
    Daß bei solchen Umständen an keine ästhetische Stimmung zu denken ist, läßt sich leicht begreifen; indessen schließen sich die Farbentafeln immer besser aneinander, und in Betrachtung organischer Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen; es leuchten mir in diesen langen Nächten ganz sonderbare Lichter, ich hoffe es sollen keine Irrwische sein.
    Ihre Farbenbeobachtung mit dem gelben Glase ist sehr artig; ich glaube, daß ich diesen Fall unter ein mir schon bekanntes Phänomen subsumieren kann, doch bin ich neugierig, bei Ihnen gerade den Punkt zu sehen, auf welchem es beobachtet worden.
    Grüßen Sie doch Humboldt vielmals und bitten um Vergebung, daß ich die auf Italien sich beziehenden Bücher noch nicht geschickt; Mittwoch soll etwas kommen.
    Von xenialischen Dingen habe ich die Zeit nichts gehört; in der Welt, in der ich lebe, klingt nichts Literarisches weder   v o r   noch   n a c h;   der Moment des Anschlagens ist der einzige, der bemerkt wird. In kurzem wird sich zeigen, ob ich auf längere Zeit zu Ihnen kommen kann oder ob ich nochmals nur eine augenblickliche Visite machen werde.
    Leben Sie recht wohl; grüßen Sie, was Sie umgibt und halten sich zum Wallenstein, soviel nur immer möglich ist.
Goethe

321 An Goethe [274]






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Letzte Änderung am 18. Juli 2026