Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

Band I — 1797

312-313 An Schiller [266]

Leipzig, den 1. Januar 1797

    Ehe ich von hier weggehe, muß ich noch ein Lebenszeichen von mir geben und kürzlich meine Geschichte melden. Nachdem wir am 28sten Dezember uns durch die Windweben auf dem Ettersberge durchgewürgt hatten und auf Buttelstädt gekommen waren, fanden wir recht leidliche Bahn und übernachteten in Rippach. Am 29sten früh um 11 Uhr waren wir in Leipzig und haben der Zeit eine Menge Menschen gesehen, waren meist mittag und abends zu Tische geladen, und ich entwich mit Not der einen Hälfte dieser Wohltat. Einige recht interessante Menschen haben sich unter der Menge gefunden, alte Freunde und Bekannte habe ich auch wieder gesehen, sowie einige vorzügliche Kunstwerke, die mir die Augen wieder ausgewaschen haben.
    Nun ist noch heute ein saurer Neujahrstag zu überstehen, indem frühmorgens ein Kabinett besehen wird, mittags ein großes Gastmahl genossen, abends das Konzert besucht wird, und ein langes Abendessen darauf gleichfalls unvermeidlich ist. Wenn wir nun so um 1 Uhr nach Hause kommen, steht uns, nach einem kurzen Schlaf, die Reise nach Dessau bevor, die wegen des eingefallenen starken Tauwetters einigermaßen bedenklich ist; doch wird auch das glücklich vorübergehen.
    So sehr ich mich freue, nach dieser Zerstreuung bald zu Ihnen in die jenaische Einsamkeit zurückzukehren, so lieb ist mir's, daß ich einmal wieder so eine große Menschenmasse sehe, zu der ich eigentlich gar kein Verhältnis habe. Ich konnte über die Wirkung der literarischen positiven und polemischen Schriften manche gute Bemerkung machen, und das versprochene Gegenmanifest wird nicht um desto schlimmer werden.
    Leben Sie recht wohl. Da wir schon morgen nach Dessau gehen, so scheint es, daß die Reise überhaupt nicht gar zu lange dauern wird.
    Sagen Sie Herrn von Humboldt, daß ich Doktor Fischern gesehen habe, und daß er mir recht wohl gefallen hat. Die Kürze der Tage und das äußerst böse Tauwetter hindern mich übrigens, meinen Aufenthalt so zu nutzen, wie ich wohl wünschte; doch findet man zufällig manches, was man sonst vergebens sucht. Leben Sie nochmals wohl, vergnügt und fleißig.
Goethe

313-314 An Schiller [267]

    Nach einer vierzehntägigen Abwesenheit bin ich glücklich wieder zurückgekommen, von meiner Reise sehr wohl zufrieden, auf der mir manches Angenehme und nichts Unangenehmes begegnet ist. Ich habe viel davon zu erzählen und werde, sobald ich nur wieder hier ein wenig Ordnung gemacht, wenn es auch nur auf einen Tag ist, zu Ihnen hinüber kommen. Leider kann ich nicht sogleich, so sehr ich auch wünschte Herrn Oberbergrat Humboldt noch zu sprechen. Grüßen Sie beide Brüder aufs beste und schönste und sagen Sie, daß ich sogleich Anstalt machen werde, die verzeichneten Bücher Herrn Gentz zu verschaffen.
    Ich verlange sehr, Sie wieder zu sehen, denn ich bin bald in dem Zustande, daß ich für lauter Materie nicht mehr schreiben kann, bis wir uns wieder gesehen und recht ausgeschwätzt haben.

    Poetisches hat mir die Reise nichts eingetragen, als daß ich den Schluß meines epischen Gedichts vollkommen schematisiert habe. Schreiben Sie mir, was Ihnen indessen die Muse gegönnt hat. Grüßen Sie Ihre liebe Frau und sagen mir, wie die Kleinen sich befinden.


Weimar, den 11. Januar 1797

    Mit dem Buche, das mir Rat Schlegel mitbrachte, geht es mir wunderlich. Notwendig muß es einer der damals gegenwärtigen Freunde eingesteckt haben, denn ich habe es nicht wieder gesehen und deshalb auch vergessen; ich will sogleich herumschicken, um zu erfahren, wo es steckt. Wenn Sie Schlegeln sehen, so sagen Sie ihm, daß ich ihm ein Kompliment von einer recht schönen Frau zu bringen habe, die sich sehr lebhaft für ihn zu interessieren schien.

Goethe

314-315 An Goethe [268]

Jena, den 11. Januar 1797

    Eben bekomme ich Ihren lieben Brief, der mich mit der Nachricht von Ihrer Zurückkunft herzlich erfreut. Diese Zeit Ihrer Abwesenheit von Jena währt mir unbeschreiblich lang; wiewohl es mir gar nicht an Umgang fehlte, so hat es mir doch gerad an der nötigsten Stärkung bei meinem Geschäft gemangelt. Kommen Sie ja, sobald Sie können. Ich zwar habe nicht viel gesammelt, was ich mitteilen könnte, desto begieriger aber und bedürftiger werde ich alles aufnehmen, was ich von Ihnen hören kann.

    Wir sind alle so wohl, wie wir zu sein pflegen; untätig bin ich gar nicht gewesen, wiewohl in diesen düstern drückenden Wintertagen alles später reift, und die rechte Gestalt sich schwerer findet. Indessen, ich sehe doch ins Helle, und mein Stoff unterwirft sich mir immer mehr. Die erste Bedingung eines glücklichen Fortgangs meiner Arbeit ist eine leichtere Luft, und Bewegung; ich bin daher entschlossen, mit den ersten Regungen des Frühjahrs den Ort zu verändern und mir, wo möglich in Weimar, ein Gartenhaus, wo heizbare Zimmer sind, auszusuchen. Das ist mir jetzt ein dringendes Bedürfnis, und kann ich diesen Zweck zugleich mit einer größern und leichtern Kommunikation mit Ihnen vereinigen, so sind vorderhand meine Wünsche erfüllt. Ich denke wohl, daß es gehen wird.

    Die Reichardtische Sache habe ich mir diese Zeit über aus dem Sinne geschlagen, weil ich mich darin mit Freuden in Ihren Rat ergeben will. Sie überfiel mich in einer zu engen Zimmerluft, und alles was zu mir kommt, muß noch dazu beitragen, mir diese Widrigkeiten noch lastender zu machen.

    Aber Wieland wird nun auch gegen die Xenien auftreten, wie Sie aus dem ersten Stück des Merkur ersehen werden. Es wäre doch unangenehm, wenn er uns zwänge, auch mit ihm anzubinden, und es frägt sich, ob man nicht wohl täte, ihm die Folgen zu bedenken zu geben.

    Ihre Aufträge sollen besorgt werden. Ich lege hier das zwölfte Horenstück bei, die übrigen Exemplare kommen übermorgen.

    Wir umarmen Sie alle herzlich.

Schiller

315-316 An Goethe [269]

Jena, den 17. Januar 1797

    Ich mache eben Feierabend mit meinem Geschäft und sage Ihnen noch einen guten Abend, eh ich die Feder weglege. Ihr letzter Besuch, so kurz er auch war, hat eine gewisse Stagnation bei mir gehoben und meinen Mut erhöht. Sie haben mich durch Ihre Beschreibungen wieder in die Welt geführt, von der ich mich ganz abgetrennt fühlte.
    Besonders aber erfreut mich Ihre lebhafte Neigung zu einer fortgesetzten poetischen Tätigkeit. Ein neueres schöneres Leben tut sich dadurch vor Ihnen auf, es wird sich auch mir nicht nur in dem Werke, es wird sich mir auch durch die Stimmung, in die es Sie versetzt, mitteilen und mich erquicken. Ich wünschte besonders jetzt die Chronologie Ihrer Werke zu wissen; es sollte mich wundern, wenn sich an den Entwicklungen Ihres Wesens nicht ein gewisser notwendiger Gang der Natur im Menschen überhaupt nachweisen ließe. Sie müssen eine gewisse, nicht sehr kurze Epoche gehabt haben, die ich Ihre analytische Periode nennen möchte, wo Sie durch die Teilung und Trennung zu einem Ganzen strebten, wo Ihre Natur gleichsam mit sich selbst zerfallen war und sich durch Kunst und Wissenschaft wieder herzustellen suchte. Jetzt deucht mir, kehren Sie, ausgebildet und reif, zu Ihrer Jugend zurück, und werden die Frucht mit der Blüte verbinden. Diese zweite Jugend ist die Jugend der Götter und unsterblich wie diese.

    Ihre kleine und große Idylle und noch neuerlich Ihre Elegie zeigen dieses, so wie die alten Elegien und Epigramme. Ich möchte aber von den früheren Werken, vom Meister selber, die Geschichte wissen. Es ist keine verlorene Arbeit, dasjenige aufzuschreiben, was Sie davon wissen. Man kann Sie ohne das nicht ganz kennen lernen. Tun Sie es also ja und legen auch bei mir eine Kopie davon nieder.

    Fällt Ihnen etwas von der Lenzischen Verlassenschaft in die Hände, so erinnern Sie sich meiner. Wir müssen alles, was wir finden, für die Horen zusammenraffen. Bei Ihrem veränderten Plan für die Zukunft können Sie vielleicht auch die italienischen Papiere den Horen zu gut kommen lassen.

    An den Cellini bitte ich auch zu denken, daß ich ihn etwa in drei Wochen habe.

    Freund Reichardts Abfertigung bitte auch nicht ganz zu vergessen.

    Leben Sie recht wohl.

Schiller

316-317 An Schiller [270]

    Die wenigen Stunden, die ich neulich mit Ihnen zugebracht habe, haben mich auf eine Reihe von Zeit nach unserer alten Art wieder recht lüstern gemacht; sobald ich nur einigermaßen hier verschiedenes ausgeführt und manches eingerichtet habe, bringe ich wieder eine Zeit mit Ihnen zu, die, wie ich hoffe, in mehr als Einem Sinn für uns beide fruchtbar sein wird. Benutzen Sie ja Ihre besten Stunden, um die Tragödie weiter zu bringen, damit wir anfangen können, uns zusammen darüber zu unterhalten.
    Ich empfange soeben Ihren lieben Brief und leugne nicht, daß mir die wunderbare Epoche, in die ich eintrete, selbst sehr merkwürdig ist; ich bin darüber leider noch nicht ganz beruhigt, denn ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles mit, das ich nicht   l o s   w e r d e n   und kaum   v e r a r b e i t e n   kann. Indessen bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu lenken, als es nur gehen will. Was bei dieser Disposition eine Reise für Wirkung tut, habe ich schon die letzten 14 Tage gesehen; indessen läßt sich ins Ferne und Ganze nichts voraussagen, da diese regulierte Naturkraft so wie alle unregulierten durch nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern wie sie sich selbst bilden muß, auch aus sich selbst und auf ihre eigne Weise wirkt. Es wird uns dieses Phänomen zu manchen Betrachtungen Anlaß geben.

    Der versprochene Aufsatz ist so reif, daß ich ihn in einer Stunde diktieren könnte, ich muß aber notwendig vorher mit Ihnen noch über die Sache sprechen, und ich werde um so mehr eilen, bald wieder bei Ihnen zu sein. Sollte sich ein längerer Aufenthalt in Jena noch nicht möglich machen, so komme ich bald wieder auf einen Tag; solch ein kurzes Zusammensein ist immer sehr fruchtbar.

    Eine Abteilung Cellini korrigiere ich gegenwärtig; haben Sie eine Abschrift von derjenigen, die im nächsten Stück erwartet wird, so schicken Sie mir solche doch.

    Ich schließe für diesmal und wünsche, recht wohl zu leben.


Weimar, am 18. Januar 1797

Goethe

318 An Goethe [271]

Jena, 24. Januar 1797

    Nur zwei Worte für heute. Ich hoffte, nach Ihrem letzten Brief, Sie schon seit etlichen Tagen hier zu sehen. Die paar heitern Tage haben mich auch wieder in die Luft gelockt und mir wohlgetan. Mit der Arbeit geht's aber jetzt langsam, weil ich gerade in der schwersten Krise bin. Das seh' ich jetzt klar, daß ich Ihnen nicht eher etwas zeigen kann, als bis ich über alles   m i t   m i r   s e l b s t   im reinen bin. Mit mir selbst können Sie mich nicht einig machen, aber mein Selbst sollen Sie mir helfen mit dem Objekte übereinstimmend zu machen. Was ich Ihnen also vorlege, muß schon ein Ganzes sein, ich meine just nicht mein ganzes Stück, sondern meine ganze Idee davon.
    Der radikale Unterschied unserer Naturen, in Rücksicht auf die Art, läßt überhaupt keine andere, recht wohltätige Mittheilung zu, als wenn das Ganze sich dem Ganzen gegenüberstellt; im einzelnen werde ich Sie zwar nicht irre machen können, weil Sie fester auf sich selbst ruhen als ich, aber Sie würden mich leicht über den Haufen rennen können. Doch davon mündlich weiter.

    Kommen Sie ja recht bald. Ich lege hier das Neueste von Cellini bei, das neulich vergessen wurde.

    Alles grüßt Sie. Die Humboldtin leidet doch viel bei ihren Wochen und es wird langwierig werden.

    Leben Sie recht wohl.

Schiller

318-319 An Goethe [272]

[Jena, den 27. Januar 1797]

    Da Sie jetzt mit Farben beschäftigt sind, so will ich Ihnen doch eine Beobachtung mitteilen, die ich heute, mit einem gelben Glase, gemacht. Ich betrachtete damit die Gegenstände vor meinem Fenster, und hielt es so weit horizontal vor das Auge, daß es mir zu gleicher Zeit die Gegenstände unter demselben zeigte, und auf seiner Fläche den blauen Himmel abspiegelte, und so erschienen mir an den hochgelb gefärbten Gegenständen alle die Stellen hell purpurfarbig, auf welche zugleich das Bild des blauen Himmels fiel, so daß es schien, als wenn die hochgelbe Farbe, mit der blauen des Himmels vermischt, jene Purpurfarbe hervorgebracht hätte. Nach der gewöhnlichen Erfahrung hätte aus dieser Mischung Grün entstehen sollen, und so sah auch der Himmel aus, sobald ich ihn   d u r c h   das Glas betrachtete und nicht bloß darin abspiegelte. Daß aber in dem letztern Fall Purpur erschien, erklärte ich mir daraus, daß ich bei der horizontalen Lage des Glases durch die Breite desselben, also den dickern Teil, sah, der schon ins Rötliche fiel. Denn ich durfte bloß das Glas von der einen Seite zuhalten und die Gegenstände als wie in einen Spiegel hineinfallen lassen, so war da ein reines Rot, wo vorher Gelb gewesen.
    Ich sage Ihnen mit meiner Bemerkung schwerlich etwas Neues, indessen wünschte ich zu wissen, ob ich mir das Phänomen recht erklärte. Hinge es wirklich nur von der größern oder geringeren Verdichtung des Gelben ab, um mit dem Blauen bald Purpur, bald Grün hervorzubringen, so wäre die Reziprozität dieser zwei letztern Farben noch interessanter.
    Haben Sie gelesen, was Campe auf die Xenien erwidert hat? Es geht eigentlich nur Sie an, und er hat sich auch höflich benommen, aber den   P e d a n t e n   und die   W a s c h f r a u   nur aufs neue bestätigt. Was das Archiv des Geschmacks und der Genius der Zeit zu Markte gebracht, haben Sie wohl schon gelesen, auch des Wandsbecker Boten klägliche Verse.
    Leben Sie recht wohl. Ich wünschte, daß Sie bald von allen lästigen Amtsgeschäften frei zur Muse zurückkehren möchten.
Schiller

320 An Schiller [273]

Sonntag, den 29. Januar 1797

    Wenigstens soll heute Abend Ihnen ein eilfertiges Blatt gewidmet sein, damit Sie doch im allgemeinen erfahren, wie es mit mir steht.
    Ich habe diese Woche einige bedeutende Kontrakte zu stande gebracht. Erstlich habe ich Dem.   J a g e m a n n   für den hiesigen Hof und das Theater gewonnen; sie ist als Hofsängerin angenommen und wird in den Opern manchmal singen, wodurch denn unsere Bühne ein ganz neues Leben erhält. Ferner habe ich auch mein episches Gedicht verhandelt, wobei sich einige artige Begebenheiten ereignet haben.
    Daß bei solchen Umständen an keine ästhetische Stimmung zu denken ist, läßt sich leicht begreifen; indessen schließen sich die Farbentafeln immer besser aneinander, und in Betrachtung organischer Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen; es leuchten mir in diesen langen Nächten ganz sonderbare Lichter, ich hoffe es sollen keine Irrwische sein.
    Ihre Farbenbeobachtung mit dem gelben Glase ist sehr artig; ich glaube, daß ich diesen Fall unter ein mir schon bekanntes Phänomen subsumieren kann, doch bin ich neugierig, bei Ihnen gerade den Punkt zu sehen, auf welchem es beobachtet worden.
    Grüßen Sie doch Humboldt vielmals und bitten um Vergebung, daß ich die auf Italien sich beziehenden Bücher noch nicht geschickt; Mittwoch soll etwas kommen.
    Von xenialischen Dingen habe ich die Zeit nichts gehört; in der Welt, in der ich lebe, klingt nichts Literarisches weder   v o r   noch   n a c h;   der Moment des Anschlagens ist der einzige, der bemerkt wird. In kurzem wird sich zeigen, ob ich auf längere Zeit zu Ihnen kommen kann oder ob ich nochmals nur eine augenblickliche Visite machen werde.
    Leben Sie recht wohl; grüßen Sie, was Sie umgibt und halten sich zum Wallenstein, soviel nur immer möglich ist.
Goethe

321-322 An Goethe [274]

Jena, den 31. Januar 1797

    Zu der guten Acquisition für die Oper wünsche ich Glück, und was das epische Werk betrifft, so hoffe ich, Sie sind in gute Hände gefallen. Das Werk wird einen glänzenden Absatz haben, und bei solchen Schriften sollte der Verleger billigst keinen Profit zu machen suchen, sondern sich mit der Ehre begnügen. Mit schlechten Büchern mag er reich werden.
    Weil doch von merkantilischen Dingen die Rede ist, so lassen Sie mich Ihnen eine Idee mitteilen, die mir jetzt sehr am Herzen liegt. Ich bin jetzt genötigt, mich in der Wahl einer Wohnung zu beeilen, da ein Gartenhaus hier zu verkaufen ist, welches mir konvenient wäre, wenn ich hier wohnen bleiben wollte. Da ich notwendig auf einen Garten sehen muß, und die Gelegenheit so leicht nicht wieder kommen könnte, so müßte ich zugreifen.
    Nun sind aber verschiedene überwiegende Gründe da, warum ich doch lieber in Weimar wohnen möchte, und könnte ich dort eine Wohnung von derselben Art finden, so möchte ich es wohl vorziehen. Nach den Erkundigungen, die ich habe anstellen lassen, wird dieses aber schwer halten. Da Sie neulich von Ihrem Gartenhause sprachen und meinten, es habe Raum genug, so wünschte ich zu wissen, ob Sie es vielleicht für eine längere Zeit entbehren und es mir ordentlich vermieten könnten. Es ist ja ohnehin schade, daß es dasteht, ohne sich zu verinteressieren, und mir wäre sehr damit geholfen.
    Wären Sie dazu nicht ungeneigt, und qualifizierte sich das Haus in den wesentlichen Dingen dazu, sommers und winters bewohnt zu werden, so würden wir über die Veränderungen, die noch nötig wären, leicht miteinander einig werden können.
    Was den Garten betrifft, so stünde ich für meine Leute, daß nichts verdorben werden sollte.
    Die Entfernung würde mich wenig abschrecken. Meiner Frau ist eine äußere Notwendigkeit, sich in Bewegung zu setzen, sehr gesund, und was mich betrifft, so hoffe ich nach einigen Versuchen in freier Luft, mir auch mehr zutrauen zu können.
    Vorderhand wünschte ich nun bloß zu wissen, ob Sie überhaupt nur zu einer solchen Disposition geneigt wären; das übrige würde dann auf eine nähere Besichtigung ankommen.
    Leben Sie recht wohl. Alles grüßt.
Schiller

    Körner wünscht zu erfahren, ob Sie die bestellten Musikalien und den Katalog der Wackerischen Auktion bekommen?

322-323 An Schiller [275]

    Sie erhalten auch endlich wieder einmal einen Beitrag von mir, und zwar einen ziemlich starken Heft Cellini; nun steht noch der letzte bevor, und ich wünsche, daß wir alsdann wieder einen solchen Fund tun mögen. Auch einige   L e n z i a n a   liegen bei. Ob und wie etwas davon zu brauchen ist, werden Sie beurteilen. Auf alle Fälle lassen Sie diese wunderlichen Hefte liegen, bis wir uns nochmals darüber besprochen haben.
    Mein Gartenhaus stünde Ihnen recht sehr zu Diensten, es ist aber nur ein Sommeraufenthalt für wenig Personen. Da ich selbst so lange Zeit darin gewohnt habe und auch Ihre Lebensweise kenne, so darf ich mit Gewißheit sagen, daß Sie darin nicht hausen können, um so mehr, als ich Waschküche und Holzstall wegbrechen lassen, die einer etwas größeren Haushaltung völlig unentbehrlich sind. Es kommen noch mehr Umstände dazu, die ich mündlich erzählen will.
    Der zu verkaufende Garten in Jena ist wohl der   S c h m i d t i s c h e ?   Wenn er wohnbar ist, sollten Sie ihn nehmen. Wäre denn einmal Ihr Herr Schwager hier eingerichtet, so könnte man auf ein freiwerdendes Quartier aufpassen und den Garten werden Sie, da die Grundstücke immer stiegen, ohne Schaden wieder los. Jetzt ist ein Quartier, wie Sie es wünschen, hier auf keine Weise zu finden.
    Von Rom habe ich einen wunderlichen Aufsatz erhalten, der vielleicht für die Horen brauchbar ist. Er hat den ehemals sogenannten Maler Müller zum Verfasser und ist gegen Fernow gerichtet. In den Grundsätzen, die er aufstellt, hat er sehr recht, er sagt viel Gründliches, Wahres und Gutes; so ist der Aufsatz auch stellenweise gut geschrieben, hat aber im ganzen doch etwas Unbehülfliches, und in einzelnen Stellen ist der Punkt nicht recht getroffen. Ich lasse das Werkchen abschreiben und teile es alsdann mit. Da er genannt sein will, so könnte man es wohl mit seinem Namen abdrucken lassen und am Schlusse eine Note hinzufügen, wodurch man sich in die Mitte stellte und eine Art von pro und contra eröffnete. Herr Fernow möchte alsdann im Merkur, Herr Müller in den Horen seine rechtliche Notdurft anbringen, und man hätte dabei Gelegenheit, die mancherlei Albernheiten, die Herr Fernow mit großer Freiheit im Merkur debitiert, mit wenig Worten herauszuheben.
    Körnern danken Sie recht vielmals für das überschickte Duett und den Katalogus; ersteres ist schon übersetzt und auf dem Theater. Leben Sie recht wohl! Mein Winterhimmel klärt sich auf, und ich hoffe, bald bei Ihnen zu sein; alles geht mir gut von statten, und ich wünsche Ihnen das Gleiche.

Weimar, am 1. Februar 1797
Goethe

323-325 An Goethe [276]

Jena, den 2. Februar 1797

    Mit der gestrigen Sendung haben Sie mich recht erquickt, denn ich bin noch nie so in der Not gewesen, die Horen flott zu erhalten, als jetzt. Die Arbeit vom Maler Müller soll mir sehr leib sein; er ist sicher eine unerwartete und neue Figur, und es wird uns auch sehr helfen, wenn ein Streit in den Horen eröffnet wird. Die Lenziana, soweit ich bis jetzt hineingesehen, enthalten sehr tolles Zeug, aber die Wiedererscheinung dieser Empfindungsweise zu jetzigen Zeiten wird sicherlich nicht ohne Interesse sein, besonders da der Tod und das unglückliche Leben des Verfassers allen Neid ausgelöscht hat, und diese Fragmente immer einen biographischen und pathologischen Wert haben müssen.
    Zu einem Nachfolger des Cellini wäre Vieilleville wohl sehr brauchbar, nur müßte er freilich nicht sowohl übersetzt als ausgezogen werden. Wenn Sie selbst sich nicht daran machen wollen und auch nichts anders Masse Gebendes wissen, so will ich mich an den Vieilleville machen und bitte, mir ihn zu dem Ende zu senden.
    Niethammer, der diesen Brief mitnimmt, ist in der Angelegenheit nach Weimar gereist, sich beim Geh. Rat Voigt wegen einer außerordentlichen Professur in der Theologie zu melden. Es ist nämlich ein anderer philosophischer Professor, namens Lange, darum eingekommen, und Niethammers ganzer Lebensplan ist davon abhängig, daß dieser Lange, der viel neuer ist als er, ihm nicht zuvorkomme. Niethammer wird Sie bitten, Ihnen seine Angelegenheit vortragen zu dürfen, und Sie werden diese arme Philosophie nicht stecken lassen. Er ist nicht so unbescheiden, Ihnen zur Last fallen zu wollen, er wünscht bloß, daß Sie dem Geh. Rat Voigt, und wenn es Gelegenheit dazu gäbe, dem Herzog selbst davon sagen möchten, daß Sie ihn kennen und einer solchen Beförderung nicht für unwürdig halten.
    Daß mein Plänchen auf Ihr Gartenhaus unausführbar ist, beklage ich sehr. Ich entschließe mich ungern, hier sitzen zu bleiben; denn wenn Humboldt erst fort ist, so bin ich schlechterdings ganz allein, und auch meine Frau ist ohne Gesellschaft. Ich will mich doch noch erkundigen, ob das Gartenhaus des Geh. Rat Schmidt nicht verkäuflich ist; denn wäre es gleich in seinem jetzigen Zustand nicht bewohnbar, so könnte ich es doch, wenn es mein eigen wäre, in stand richten lassen, welches ich auch bei dem Professor Schmidtischen hier tun müßte.
    Leben Sie aufs beste wohl und kommen Sie ja, sobald Sie können.
Schiller

325-326 An Schiller [277]

    Nach einer sehr staubigen und gedrängten Redoute kann ich Ihnen nur wenige Worte sagen.
    Erstlich sende ich hier das Opus des Maler Müllers abgeschrieben; ich habe es nicht wieder durchsehen können und lege daher auch das Original bei. Da Sie es wohl nicht sogleich brauchen, so konferieren wir vorher nochmals drüber, und Sie überlegen ja wohl, ob am Stile irgend etwas zu tun ist. Leider vergleicht er sich selbst ganz richtig mit einem Geist, der notgedrungen spricht, nur äußert er sich nicht so leicht und lustig wie Ariel. Vieles, werden Sie finden, ist ganz aus unserm Sinne geschrieben und, auch unvollkommen wie sie ist, bleibt eine solche öffentliche, ungesuchte und unvorbereitete Beistimmung schätzbar. Am Ende ist's und bleibt's denn doch ein Stein, den wir in des Nachbars Garten werfen; wenn er auch ein bißchen aufpatscht, was hat's zu bedeuten. Selbst wenn wirklich etwas an Fernow ist, muß es durch Opposition ausgebildet werden, denn seine deutsche Subjektivität spricht nur immer entscheidender und alberner von Rom her.
    Zweitens sende ich Ihnen einen Gesang eines wunderlichen Gedichtes. Da ich den Verfasser kenne, so macht mich das im Urteil irre. Was sagen Sie? glauben Sie daß er poetisch Talent hat? Es ist eine gewisse anmutige freie Weltansicht drin und eine hübsche Jugend; aber freilich alles nur Stoff und, wie mich dünkt, keine Spur von einer zusammenfassenden Form. Gesetzt, man hätte eine poetische Schule, wo man die Hauptvorteile und Erfordernisse der Dichtkunst wenigstens dem Verstande eines solchen jungen Mannes klar machen könnte, was glaubten Sie, daß aus einem solchen Naturell gezogen werden könnte? Jetzt weiß ich ihm keinen Rat zu geben, als daß er kleinere Sachen machen soll.
    Meine Aussicht, auf längere Zeit bei Ihnen zu bleiben, verschiebt sich abermals weiter hinaus. Die Anstellung der Jagemann und ihre Einleitung aufs Theater macht meine Gegenwart höchst nötig; doch soll mich nicht leicht etwas abhalten, Sonntag den 12ten zu Ihnen zu kommen; wir haben Vollmond und brauchen bei der Rückkehr das zerrissene Mühltal nicht zu fürchten.
    Den Vieilleville will ich schicken, denn ich darf nichts neues unternehmen. Vielleicht bildet sich die Idee zu einem Märchen, die mir gekommen ist, weiter aus. Es ist nur gar zu verständig und verständlich, drum will mir's nicht recht behagen; kann ich aber das Schiffchen auf dem Ozean der Imagination recht herumjagen, so gibt es doch vielleicht eine leidliche Komposition, die den Leuten besser gefällt, als wenn sie besser wäre. Das Märchen mit dem Weibchen im Kasten lacht mich manchmal auch wieder an, es will aber noch nicht recht reif werden.
    Übrigens sind jetzt alle meine Wünsche auf die Vollendung des Gedichtes gerichtet, und ich muß meine Gedanken mit Gewalt davon zurückhalten, damit mir das Detail nicht in Augenblicken zu deutlich werde, wo ich es nicht ausführen kann. Leben Sie recht wohl und lassen mich etwas von Ihrer Stimmung und Ihren Arbeiten wissen.

Weimar, den 4. Februar 1797
Goethe

326-328 An Goethe [278]

Jena, den 7. Februar 1797

    Sie haben mir in diesen letzten Botentagen einen solchen Reichtum von Sachen zugeschickt, daß ich mit dem Besichtigen noch gar nicht habe fertig werden können, besonders da mir von der einen Seite ein Garten, den ich im Handel habe, und von der andern eine Liebeszene in meinem zweiten Akt den Kopf nach sehr verschiedenen Richtungen bewegen.
    Indessen habe ich mich gleich an das Maler-Müllerische Skriptum gemacht, welches, zwar in einer schwerfälligen und herben Sprache, sehr viel vortreffliches enthält und nach den gehörigen Abänderungen im Stil eines vorzüglich guten Beitrag zu den Horen abgeben wird.
    In dem neuen Stück Cellini habe ich mich über den Guß des Perseus recht von Herzen erlustigt. Die Belagerung von Troja oder von Mantua kann keine größere Begebenheit sein und nicht pathetischer erzählt werden als diese Geschichte.
    Über das Epos, welches Sie mir mitgeteilt, werde ich Ihnen mehr sagen können, wenn Sie kommen. Was ich bis jetzt darin gelesen, bestätigt mir sehr Ihr Urteil. Es ist das Produkt einer lebhaften und vielbeweglichen Phantasie, aber diese Beweglichkeit geht auch so sehr bis zur Unart, daß schlechterdings alles schwimmt und davonfließt, ohne daß man etwas von bleibender Gestalt darin fassen könnte. Bei diesem durchaus herrschenden Charakter der bloßen gefälligen Mannigfaltigkeit und des anmutigen Spiels würde ich auf einen weiblichen Verfasser gefallen sein, wenn es mir zufällig in die Hände geraten wäre. Es ist reich an Stoff und scheint doch äußerst wenig Gehalt zu haben. Nun glaube ich aber, daß das, was ich Gehalt nenne, allein der Form fähig werden kann; was ich hier Stoff nenne, scheint mir schwer oder niemals damit verträglich zu sein.
    Ohne Zweifel haben Sie jetzt auch die Wielandische Oration gegen die Xenien gelesen. Was sagen Sie dazu? Es fehlt nichts, als daß sie im Reichsanzeiger stünde.
    Von meiner Arbeit und Stimmung dazu kann ich jetzt gerade wenig sagen, da ich in der Krise bin, und mein bestes feinstes Wesen zusammennehme, um sie gut zu überstehen. Insofern ist mir's lieb, daß die Ursache die Sie abhält, hieher zu kommen, gerade diesen Monat trifft, wo ich mich am meisten nötig habe zu isolieren.
    Soll ich Ihre Elegie nun etwa zum Druck abschicken, daß sie am Anfange Aprils ins Publikum kommt?
    Zu dem Märchen wünsche ich bald eine recht günstige Stimmung. Leben Sie recht wohl. Wir freuen uns, Sie auf den Sonntag zu sehen.
Schiller

328-329 An Schiller [279]

    Ich freue mich, daß Sie in Ihrem abgesonderten Wesen die ästhetischen Krisen abwarten können; ich bin wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwirft. In den Frühstunden suche ich die letzte Lieferung Cellini zu bearbeiten. Der Guß des Perseus ist fürwahr einer von den lichten Punkten, so wie bei der ganzen Arbeit an der Statue bis zuletzt Naturell, Kunst, Handwerk, Leidenschaft und Zufall alles durcheinander wirkt und dadurch das Kunstwerk gleichsam zum Naturprodukt macht.
    Über die Metamorphose der Insekten gelingen mir auch gegenwärtig gute Bemerkungen. Die Raupen, die sich letzten September in Jena verpuppten, erscheinen, weil ich sie den Winter in der warmen Stube hielt, nun schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen. Wenn ich meine Beobachtungen nur noch ein Jahr fortsetze, so werde ich einen ziemlichen Raum durchlaufen haben; denn ich komme nun schon oft wieder auf ganz bekannte Plätze.
    Ich wünsche, daß der Handel mit dem Gartenhaus gelingen möge. Wenn Sie etwas daran zu bauen haben, so steht Ihnen mein Gutachten zu Diensten.
    Die Wielandische Äußerung habe ich nicht gesehen, noch nichts davon gehört; es läßt sich vermuten, daß er in der heilsamen Mittelstraße geblieben ist. Leben Sie recht wohl; noch hoffe ich Sonntags zu kommen; Sonnabend abend erfahren Sie die Gewißheit.

Weimar, den 8. Februar 1797
Goethe

329 An Goethe [280]

Jena, den 9. Februar 1797

    Es ist mir dieser Tage der Brief von Meyern wieder in die Hände gefallen, worin er den ersten Teil seiner Reise bis Nürnberg beschreibt. Dieser Brief gefällt mir gar wohl, und wenn sich noch drei, vier andere daran anschließen ließen, so wäre es ein angenehmer Beitrag für die Horen und die paar Louisdors könnte Meyer auch mitnehmen. Ich lege Ihnen die Copia hier bei.
    Von Nicolai in Berlin ist ein Buch gegen die Xenien erschienen; ich hab' es aber noch nicht zu Gesichte bekommen.
    Ich habe jetzt ein zweites Gebot auf meinen Schmidtischen Garten getan, 1150 Rthlr., und hoffe ihn um 1200 zu bekommen. Es ist vorderhand zwar nur ein leichtes Sommerhaus und wird auch wohl noch ein hundert Taler kosten, um nur im Sommer bewohnbar zu sein; aber diese Verbesserung meiner Existenz ist mir alles wert. Wenn ich erst im Besitz bin, und Sie hier sind, dann wollen wir Sie bitten, uns zu raten und zu helfen.
    Alles weitere mündlich. Ich hoffe, Sie übermorgen gewiß zu sehen, schicke aber doch auf jeden Fall die Horen heute mit. Inlage an Herdern bitte abgeben zu lassen.
    Der Auftrag an meinen Schwager ist besorgt.
    Leben Sie recht wohl.
Schiller

329-330 An Schiller [281]

    Die Horen habe ich erhalten und danke für deren schnelle Sendung. Morgen bin ich bei Ihnen, und wir können uns über manches ausreden; morgen abend gehe ich zwar weg, hoffe aber über acht Tage auf längere Zeit wieder zu kommen.
    Dem verwünschten Nicolai konnte nichts erwünschter sein, als daß er nur wieder einmal angegriffen wurde; bei ihm ist immer bonus odor ex re qualibet, und das Geld, das ihm der Band einbringt, ist ihm gar nicht zuwider. Überhaupt können die Herren uns sämtlich Dank wissen, daß wir ihnen Gelegenheit geben, einige Bogen zu füllen und sich bezahlen zu lassen, ohne großen Aufwand von produktiver Kraft.
    Lassen Sie ja den Garten nicht weg, ich bin dem Lokal sehr günstig; es ist außer der Anmut auch noch eine sehr gesunde Stelle. Leben Sie recht wohl, ich freue mich auf morgen. Ich esse mit Ihnen, aber allein; Geheimer Rat Voigt, der mit mir kommt, wird bei Hufelands einkehren und Nachmittags verschränken wir unsere Besuche.

Weimar, den 11. Februar 1797
Goethe

330-331 An Goethe [282]

Jena, den 17. Februar 1797

    Ich wünsche, daß Sie neulich wohl mögen angekommen sein, Ihre Erscheinung war so kurz, ich habe mein Herz gar nicht ausleeren können. Aber es ist wirklich notwendig, daß man einander, wenn es nicht auf länger sein kann, manchmal nur auf einige Stunden sieht, um sich nicht fremder zu werden.
    Jetzt wird meine Sehnsucht, Luft und Lebensart zu verändern, so laut und so dringend, daß ich es kaum mehr aushalten kann. Wenn ich mein Gartenhaus einmal besitze und keine große Kälte mehr nachkommt, so mache ich mich in vier Wochen hinaus. Eher komme ich auch mit meiner Arbeit nicht recht vorwärts, denn es ist mir, als könnte ich in diesen verwünschten vier Wänden gar nichts hervorbringen.
    Mein Schwager denkt mit Anfang des März zu kommen. Er befindet sich aber wegen seiner Wohnung in einiger Verlegenheit, weil diese erst nach Ostern frei wird, und wünschte doch gleich mit seiner Frau und dem Kinde zu kommen. Dürfte ich ihm in dem äußersten Fall, daß er kein Logis bis dahin finden könnte, wo das von ihm gemietete Stitzerische frei wird, Hoffnung machen, daß Sie ihm Ihr Gartenhaus auf die paar Wochen überlassen wollen? Ich würde ihm raten, meine Schwägerin so lange hieher ziehen zu lassen, aber da kommt unglücklicherweise die Blatterninokulation in meinem und Humboldts Hause dazwischen, welche in drei, vier Wochen vor sich gehen soll, und meine Schwägerin will ihr Kind jetzt nicht inokulieren lassen. Ich weiß also keinen andern Rat, und nehme darum mein Zuflucht zu Ihnen.
    Wünschten Sie Ihren Almanach nicht auf dem Papier gedruckt zu sehen, worauf ich hier schreibe? Es ist viel wohlfeiler als Velin, und mir kommt es wirklich eben so schön vor. Das Buch kommt ohngefähr auf 13 Gr., da das Velin 18 Gr. kostet. Hermann und Dorothea müßten sich prächtig darauf ausnehmen.
    Leben Sie recht wohl. Sehen Sie, daß Sie sich sobald möglich von Ihren Geschäften los machen und Ihr Werk vollenden.
Schiller

331-332 An Schiller [283]

    Ich wage es endlich, Ihnen die drei ersten Gesänge des epischen Gedichtes zu schicken; haben Sie die Güte, es mit Aufmerksamkeit durchzusehen, und teilen Sie mir Ihre Bemerkungen mit. Herrn von Humboldt bitte ich gleichfalls um diesen Freundschaftsdienst. Geben Sie beide das Manuskript nicht aus der Hand, und lassen Sie mich es bald wieder haben. Ich bin jetzt an dem vierten Gesang und hoffe mit diesem wenigstens auch bald im reinen zu sein.
    Ihrem Herrn Schwager wollte ich mein Gartenhaus bis Ostern, aber freilich nur bis dahin, gern überlassen; doch würde es nur als die letzte Ausflucht zu empfehlen sein: denn es würde doch viel Umstände machen, es für die jetzige Jahreszeit in Stand zu setzen, denn es ist kein Ofen darin, und Möbel könnte ich auch nicht geben. Allein das ganze Germarische Haus ist leer und die Fräulein, die ich soeben fragen lasse, will es im ganzen oder zum Teil auf sechs Wochen vermieten, auch wohl Meubles dazugeben.
    Bei dem großen Drange aber, der hier nach Quartieren ist, stehe ich nicht dafür, daß diese Gelegenheit nur eine Woche offen bleibt. Sie müßten mir daher durch einen Boten anzeigen, wie viel Raum man verlangt, und mir etwa zugleich melden, wer bisher Ihres Herrn Schwagers Angelegenheiten besorgt hat, damit man sich mit ihm bereden könne.
    Meyer grüßt aufs beste und hat beiliegendes sehr artiges Titelkupfer geschickt, das aber freilich in die Hände eines sehr guten Kupferstechers fallen sollte, worüber wir uns noch bereden wollen.
    Der heutige Oberon fordert mich zur Probe; das nächste Mal mehr.

Weimar, am 18. Februar 1797
Goethe

332-333 An Schiller [284]

    Aus meinen betrübten Umständen muß ich Ihnen noch einen guten Abend wünschen. Ich bin wirklich mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen und friere von innen heraus, der Kopf ist mir eingenommen, und meine arme Intelligenz wäre nicht im stande, durch einen freien Denkaktus den einfachsten Wurm zu produzieren, vielmehr muß sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an sich den häßlichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz zugestehn. Wir wollen hoffen, daß wir, aus der Erniedrigung dieser realen Bedrängnisse, zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen nächstens gelangen werden, und glauben dies um so sichrer, als uns die Wunder der stetigen Naturwirkungen bekannt sind. Leben Sie recht wohl. Hofrat Loder vertröstet mich auf einige Tage Geduld.

[Jena,] den 27. Februar 1797
Goethe

333 An Goethe [285]

[Jena, den 27. Febr.]

    Wir beklagen sie herzlich, daß Sie etwas so ganz anderes hier gefunden haben, als Sie suchten. In solchen Umständen wünschte ich Ihnen   m e i n e   Fertigkeit im Übelbefinden, so würde Ihnen dieser Zustand weniger unerträglich sein. Es ist übrigens kein groß Kompliment für die Elementarphilosophie, daß nur der Katarrh Sie zu einem so gründlichen Metaphysikus macht. Vielleicht kommen Sie in diesem Zustand der Erniedrigung und Zerknirschung dazu, Fichtens Aufsatz im Niethammerischen Journal zu durchlesen; ich hab' ihn heute angesehen und mit vielem Interesse gelesen.
    Können wir Ihnen eine Bequemlichkeit verschaffen, so sagen Sie es uns ja. Schlafen Sie recht wohl; ich hoffe, wenn Sie sich morgen noch ruhig halten und das Wetter gut bleibt, so sehen wir Sie übermorgen.
Schiller

333-334 An Schiller [286]

    Der Katarrh ist zwar auf dem Abmarsche, doch soll ich noch die Stube hüten, und die Gewohnheit fängt an, mir diesen Aufenthalt erträglich zu machen.
    Nachdem die Insekten mich an den vergangenen Tagen beschäftigt, so habe ich heute den Mut gefaßt, den vierten Gesang völlig in Ordnung zu bringen, und es ist mir gelungen; ich schöpfe daraus einige Hoffnung für die Folge. Leben Sie recht wohl, und seien Sie von Ihrer Seite fleißig, und sagen Sie der lieben Frau, daß ich für meine Teescheue durch den abscheulichsten Kräutertee bestraft werde.

Jena, am 1. März 1797
Goethe

334 An Goethe [287]

[Jena, den 1. März]

    Es freut mich herzlich, daß Loders Kräutertee, so über er auch schmeckt, einen poetischen Humor und Lust zum Heldengedicht bei Ihnen geweckt hat. Ich bin, obgleich von keinem Katarrh gehindert, seit gestern nicht viel avanciert, weil mein Schlaf wieder sehr in Unordnung gewesen. Doch hoffe ich meine zwei Piccolominis heute noch eine Strecke vorwärts zu bringen.
    Haben Sie doch die Güte, Beiliegendes anzusehen und zu überlegen, ob wir die Sache quaestionis nicht in Weimar beschleunigen und allenfallsigen Obstakeln vorbeugen können. Es liegt mir gar zu viel an der Sache, und daß sie auch bald entscheiden werde. Vielleicht hat Voigt dabei zu sagen, und da sind Sie wohl so gut und schreiben ihm ein Wörtchen.
    Erholen Sie sich sobald möglich, daß wir morgen wieder zusammen sein können.
Schiller

334-335 An Schiller [288]

    Ich habe gleich an Geh. Rat Voigt geschrieben und schicke Ihnen den Brief, um ihn nach Belieben absenden zu können. Zugleich erhalten Sie ein monstroses Manuskript, welches zu beurteilen keines aller meiner Organe geschickt ist. Möchten Sie es diese Nacht nicht brauchen!
    Mein Katarrh ist zwar merklich besser, doch fange ich an, die Stube lieb zu gewinnen, und da es ohnedem scheint, daß die Musen mir günstig werden wollen, so könnte ich wohl selbst meinen Hausarrest auf einige Tage verlängern, denn der Gewinst wäre zu groß, wenn man so unversehens ans Ziel gelangte.
    Könnten Sie mir nicht einige Blätter von dem schönen glatten Papier zukommen lassen und mir zugleich sagen, wie groß die Bogen sind, und was das Buch kostet? Leben Sie wohl, und führen Sie nur auch, wachend oder träumend, Ihre Piccolominis auf dem guten Wege weiter.

[Jena,] den 1. März 1797
Goethe

335 An Schiller [289]

    Ich kann glücklicherweise vermelden, daß das Gedicht im Gange ist, und wenn der Faden nicht abreißt, wahrscheinlich glücklich vollbracht werden wird. So verschmähen also die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchen ich mich durch das Übel versetzt fühle, vielleicht ist er gar ihren Einflüssen günstig; wir wollen nun einige Tage so abwarten.
    Daß wir an Voigt wegen der Gartensache schrieben, war sehr gut. Bei der Pupillen-Deputation ist bis dato noch nichts eingegangen, die Sache muß also bei dem akademischen Syndikat betrieben werden. Ich dächte, Sie schrieben Faselius, was Sie hier von mir erfahren, und ersuchten ihn, bei dem Syndikus Asverus auszuwirken, daß die Sache hinüber komme; drüben soll sie keinen Aufschub leiden. Ich wünsche sehr, daß die Sache zu stande komme, auch darum, damit ich Ihnen bei meinem Hiersein noch einigen Rat zu künftiger Einrichtung geben könne. Leben Sie recht wohl und grüßen Ihre liebe Frau.

Jena, am 3. März 1797
Goethe

336 An Schiller [290]

    Die Arbeit rückt zu und fängt schon an, Masse zu machen, worüber ich denn sehr erfreut bin und Ihnen als einem treuen Freunde und Nachbar die Freude sogleich mitteile. Es kommt nur noch auf zwei Tage an, so ist der Schatz gehoben, und ist er nur erst einmal über der Erde, so findet sich alsdann das Polieren von selbst. Merkwürdig ist's, wie das Gedicht gegen sein Ende sich ganz zu seinem idyllischen Ursprung hinneigt.

Jena, den 4. März 1797

    Wie geht es Ihnen?
Goethe

336 An Goethe [291]

[Jena, den 4. März]

    Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen Abend zu einem schönen und, wie ich nicht zweifle, fruchtbaren Tag. Der heitre Himmel an diesem Morgen hat Sie wahrscheinlich auch belebt und erfreut, aber Sie haben recht wohl getan, noch nicht auszugehen.
    Es konnte gar nicht fehlen, daß Ihr Gedicht idyllisch endigte, sobald man dieses Wort in seinem höchsten Gehalte nimmt. Die ganze Handlung war so unmittelbar an die einfache ländliche Natur angebaut, und die enge Beschränkung konnte, wie ich mir's denke, nur durch die Idylle ganz poetisch werden. Das was man die Peripetie darin nennen muß, wird schon von weitem so vorbereitet, daß es die ruhige Einheit des Tons am Ende durch keine starke Passion mehr stören kann.
    Vielleicht sehen wir Sie morgen? Es ist mir, ob wir gleich nicht zusammen gekommen, doch eine freundliche Idee, Sie uns so nah und jetzt in so guten Händen zu wissen. Schlafen Sie recht wohl.
Schiller

337-338 An Goethe [292]

Jena, den 4. April 1797

    Aus der bisherigen Abwechslung und Geselligkeit bin ich auf einmal in die größte Einsamkeit versetzt und auf mich selbst zurückgeführt. Außer Ihnen und Humboldt hat mich auch alle weibliche Gesellschaft verlassen, und ich wende diese Stille dazu an, über meine tragisch-dramatische Pflichten nachzudenken. Nebenher entwerfe ich ein detailliertes Szenarium des ganzen Wallensteins, um mir die Übersicht der Momente und des Zusammenhangs auch durch die Augen mechanisch zu erleichtern.
    Ich finde, je mehr ich über mein eigenes Geschäft und über die Behandlungsart der Tragödie bei den Griechen nachdenke, daß der ganze Cardo rei in der Kunst liegt, eine poetische Fabel zu erfinden. Der Neuere schlägt sich mühselig und ängstlich mit Zufälligkeiten und Nebendingen herum, und über dem Bestreben, der Wirklichkeit recht nahe zu kommen, beladet er sich mit dem Leeren und Unbedeutenden, und darüber läuft er Gefahr, die tiefliegende Wahrheit zu verlieren, worin eigentlich alles Poetische liegt. Er möchte gern einen wirklichen Fall vollkommen nachahmen und bedenkt nicht, daß eine poetische Darstellung mit der Wirklichkeit eben darum, weil sie absolut wahr ist, niemals koinzidieren kann.
    Ich habe diese Tage den Philoktet und die Trachinierinnen gelesen, und die letztern mit besonders großem Wohlgefallen. Wie trefflich ist der ganze Zustand, das Empfinden, die Existenz der Dejanira gefaßt! Wie ganz ist sie die Hausfrau des Herkules, wie individuell, wie nur für diesen einzigen Fall passend ist dies Gemälde und doch wie tief menschlich, wie ewig wahr und allgemein. Auch im Philoktet ist alles aus der Lage geschöpft, was sich nur daraus schöpfen ließ, und bei dieser Eigentümlichkeit des Falles ruht doch alles wieder auf dem ewigen Grund der menschlichen Natur.
    Es ist mir aufgefallen, daß die Charaktere des griechischen Trauerspiels, mehr oder weniger, idealische Masken und keine eigentliche Individuen sind, wie ich sie in Shakespeare und auch in Ihren Stücken finde. So ist z. B. Ulysses im Ajax und im Philoktet offenbar nur das Ideal der listigen, über ihre Mittel nie verlegenen, engherzigen Klugheit; so ist Kreon im Oedip und in der Antigone bloß die kalte Königswürde. Man kommt mit solchen Charakteren in der Tragödie offenbar viel besser aus, sie exponieren sich geschwinder, und ihre Züge sind permanenter und fester. Die Wahrheit leidet dadurch nichts, weil sie bloßen logischen Wesen ebenso entgegengesetzt sind als bloßen Individuen.
    Ich sende Ihnen hier, pour la bonne bouche, ein allerliebstes Fragment aus dem Aristophanes, welches mir Humboldt dagelassen hat. Es ist köstlich, ich wünschte den Rest auch zu haben.
    Dieser Tage bin ich mit einem großen prächtigen Pergamentbogen aus Stockholm überrascht worden. Ich glaubte, wie ich das Diplom mit dem großen wächsernen Siegel aufschlug, es müßte wenigstens eine Pension herausspringen, am Ende war's aber bloß ein Diplom der Akademie der Wissenschaften. Indessen freut es immer, wenn man seine Wurzeln weiter ausdehnt und seine Existenz in andere eingreifen sieht.
    Ich hoffe bald ein neues Stück Cellini von Ihnen zu erhalten.
    Leben Sie recht wohl, mein teurer, mir immer teurerer Freund. Mich umgeben noch immer die schönsten Geister, die Sie mir hier gelassen haben, und ich hoffe immer vertrauter damit zu werden. Leben Sie recht wohl.
Schiller

338-339 An Schiller [293]

    Mir ergeht es gerade umgekehrt. Auf die Sammlung unserer Zustände in Jena bin ich in die lebhafte Zerstreuung vielerlei kleiner Geschäfte geraten, die mich eine Zeitlang hin und her ziehen werden; indessen werde ich allerlei tun, wozu ich nicht die reinste Stimmung brauche.
    Sie haben ganz recht, daß in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein Abstraktum erscheint, das seine Höhe nur durch das was man Stil nennt, erreichen kann. Es gibt auch Abstrakta durch Manier wie bei den Franzosen. Auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles, man ist wegen des Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen denn doch nichts weiter mit davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer lebendigen Ausführung, die desto stetiger sein kann, je besser die Fabel ist. Wir wollen auch deshalb künftig sorgfältiger als bisher das, was zu unternehmen ist, prüfen.
    Hier kommt Vieilleville erster Teil, die übrigen kann ich nach und nach schicken.
    Grüßen Sie Ihre liebe Frau; ich habe sie leider bei ihrem hiesigen Aufenthalte nicht gesehen.
    Zu dem Diplom gratuliere ich; dergleichen Erscheinungen sind, als barometrische Anzeigen der öffentlichen Meinung, nicht zu verachten.
    Leben Sie recht wohl, und schreiben Sie mir öfter, ob ich gleich in der ersten Zeit ein schlechter Korrespondent sein werde.

Weimar, am 5. April 1797
Goethe

339-341 An Goethe [294]

Jena, den 7. April 1797

    Unter einigen kabbalistischen und astrologischen Werken, die ich mir aus der hiesigen Bibliothek habe geben lassen, habe ich auch einen Dialogen über die Liebe, aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt, gefunden, das mich nicht nur sehr belustigt, sondern auch in meinen astrologischen Kenntnissen viel weiter gefördert hat. Die Vermischung der chemischen, mythologischen und astronomischen Dinge ist hier recht ins Große getrieben und liegt wirklich zum poetischen Gebrauche da. Einige verwundersam sinnreiche Vergleichungen der Planeten mit menschlichen Gliedmaßen lasse ich Ihnen herausschreiben. Man hat von dieser barocken Vorstellungsart keinen Begriff, bis man die Leute selbst hört. Indessen bin ich nicht ohne Hoffnung, diesem astrologischen Stoff eine poetische Dignität zu geben.
    Über die letzthin berührte Materie von Behandlung der Charaktere freue ich mich, wenn wir wieder zusammenkommen, meine Begriffe mit Ihrer Hilfe noch recht ins Klare zu bringen. Die Sache ruht auf dem innersten Grunde der Kunst, und sicherlich können die Wahrnehmungen, welche man von den bildenden Künsten hernimmt, auch in der Poesie viel aufklären. Auch bei Shakespeare ist es mir heute, wie ich den Julius Cäsar mit Schlegeln durchging, recht merkwürdig gewesen, wie er das gemeine Volk mit einer so ungemeinen Großheit behandelt. Hier, bei der Darstellung des Volkscharakters, zwang ihn schon der Stoff, mehr ein poetisches Abstraktum als Individuen im Auge zu haben, und darum finde ich ihn hier den Griechen äußerst nah. Wenn man einen zu ängstlichen Begriff von Nachahmung des Wirklichen zu einer solchen Szene mitbringt, so muß einen die Masse und Menge mit ihrer Bedeutungslosigkeit nicht wenig embarrassieren; aber mit einem kühnen griff nimmt Shakespeare ein paar Figuren, ich möchte sagen, nur ein paar Stimmen aus der Masse heraus, läßt sie für das ganze Volk gelten, und sie gelten das wirklich; so glücklich hat er gewählt.
Es geschähe den Poeten und Künstlern schon dadurch ein großer Dienst, wenn man nur erst ins Klare gebracht hätte, was die Kunst von der Wirklichkeit wegnehmen oder fallen lassen muß. Das Terrain würde lichter und reiner, das Kleine und Unbedeutende verschwände und für das Große würde Platz. Schon in der Behandlung der Geschichte ist dieser Punkt von der größten Wichtigkeit, und ich weiß, wie viel der unbestimmte Begriff darüber mir schon zu schaffen gemacht hat.
    Vom Cellini sehne ich mich, bald was zu bekommen, wo möglich für das Aprilstück noch, wozu ich es freilich zwischen heut und Mittwoch abend in Händen haben müßte.
    Leben Sie recht wohl. Die Frau grüßt aufs beste. Ich habe heute einen großen Posttag, sonst würde mehreres schreiben.
Schiller

341-342 An Schiller [295]

    Herr von Humboldt, der erst morgen früh abgeht, läßt Sie schönstens grüßen und ersucht Sie, beiliegenden Brief sogleich bestellen zu lassen.
    Wir haben über die letzten Gesänge ein genaues prosodisches Gericht gehalten und sie, so viel als möglich war, gereinigt. Die ersten sind nun bald ins Reine geschrieben und nehmen sich, mit ihren doppelten Inschriften, gar artig aus. Ich hoffe sie die nächste Woche abzusenden.
    Auch sollen Sie vor Mittwoch noch ein Stück Cellini zu zwölf geschriebenen Bogen erhalten. Es bleiben alsdann etwa noch sechs für den Schluß.
    Übrigens geht es etwas bunt zu, und ich werde in den nächsten vierzehn Tagen zu wenigem kommen.
    Die astrologischen Verbindungen, die Sie mir mitteilen, sind wunderlich genug; ich verlange zu sehen, was Sie für einen Gebrauch von diesem Material machen werden.
    Ich wünsche die Materie, die uns beide so sehr interessiert, bald weiter mit Ihnen durchzusprechen. Diejenigen Vorteile, deren ich mich in meinem letzten Gedicht bediente, habe ich alle von der bildenden Kunst gelernt. Denn bei einem gleichzeitigen, sinnlich vor Augen stehenden Werke ist das überflüssige weit auffallender als bei einem, das in der Sukzession vor den Augen des Geistes vorbeigeht. Auf dem Theater würde man große Vorteile davon spüren. So fiel mir neulich auf, daß man auf unserm Theater, wenn man an Gruppen denkt, immer nur sentimentale oder pathetische hervorbringt, da doch noch hundert andere denkbar sind. So erschienen mir diese Tage einige Szenen im Aristophanes völlig wie antike Basreliefe und sind gewiß auch in diesem Sinne vorgestellt worden. Es kommt im ganzen und im einzelnen alles darauf an: daß alles von einander abgesondert, daß kein Moment dem andern gleich sei; so wie bei den Charakteren, daß sie zwar bedeutend von einander abstehen, aber doch immer unter ein Geschlecht gehören.
    Leben Sie recht wohl, und arbeiten Sie fleißig; sobald ich ein wenig Luft habe, denke ich an den Almanach.

Weimar, den 8. April 1797
Goethe

342 An Goethe [296]

Jena, den 11. April 1797

    Ich sage Ihnen nur zwei Worte zum Gruß. Unser kleiner Ernst hat das Blatternfieber sehr stark und uns heute mit öftern epileptischen Krämpfen sehr erschreckt; wir erwarten eine sehr unruhige Nacht, und ich bin nicht ohne Furcht.
    Vielleicht kann ich morgen mit erleichtertem Herzen mehr schreiben. Leben Sie recht wohl. Meine Frau grüßt Sie aufs beste. Den Cellini bitte ja zu schicken.
Schiller

342-343 An Schiller [297]

    Möge doch der kleine Ernst bald die gefährliche Krise überstehen und Sie wieder beruhigen!
    Hier folgt Cellini, der nun bald mit einer kleinen Sendung völlig seinen Abschied nehmen wird. Ich bin, indem ich den patriarchalischen Überresten nachspürte, in das alte Testament geraten und habe mich aufs neue nicht genug über die Konfusion und die Widersprüche der fünf Bücher Mosis verwundern können, die denn freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und mündlichen Traditionen zusammengestellt sein mögen. Über den Zug der Kinder Israel durch die Wüsten habe ich einige artige Bemerkungen gemacht, und es ist der verwegne Gedanke in mir aufgestanden: ob nicht die große Zeit, welche sie darin zugebracht haben sollen, erst eine spätere Erfindung sei? Ich will gelegentlich, in einem kleinen Aufsatze, mitteilen, was mich auf diesen Gedanken gebracht hat.
    Leben Sie recht wohl und grüßen Humboldts, mit Überreichung beiliegender Berlinischen Monatschrift, und geben mir bald von sich und den Ihrigen gute Nachricht.

Weimar, am 12. April 1797
Goethe

343-344 An Goethe [298]








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Letzte Änderung am 21. August 2026